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Business mit der Buchse

Montag, 13.03.2006 · von FOCUS-Redakteur Frank Fleschner

Die neue Rolle der TV-Transporteure: wie die großen Kabelunternehmen und der Satellitenbetreiber Astra die Medienlandschaft umkrempeln


Es kann vorkommen, dass es klingelt und ein Außendienstmitarbeiter von einem Unternehmen namens Kabel Deutschland vor der Tür steht. Es kann sein, dass der Mieter, der öffnet, noch nie von dieser Firma gehört hat. Möglich auch, dass er etwas überfordert ist, wenn der Vertreter von den neuen Möglichkeiten schwärmt, die das TV-Kabel jetzt biete: Dutzende neuer Digital-Programme, eine schnelle Internet-Verbindung und einen Telefonanschluss.

„Wetten, dass ...?“ kam für Millionen Zuschauer jahrzehntelang einfach aus der TV-Buchse an der Wohnzimmerwand. Wie die Programme dorthin gelangen, ist noch heute den meisten Mietern egal. Bei vielen ist die Kabelgebühr Bestandteil der Miete. Mit ihrem Netzbetreiber mussten sie nie in Kontakt treten. Doch der kommt jetzt auf sie zu – mit Werbung in Zeitungen und Zeitschriften, mit Postwurfsendungen oder eben an die Haustür.

Seit internationale Finanzinvestoren das bundesweite Kabelnetz der Deutschen Telekom kauften, rüstet das Transportgewerbe für TV-Signale auf: Unity Media mit den Tochterfirmen Ish in Nordrhein-Westfalen und Iesy in Hessen, Kabel BW in Baden-Württemberg und Kabel Deutschland in den restlichen 13 Bundesländern sind nun Komplettanbieter für Kommunikationsdienste. Die neue Strategie nennen sie „Triple Play“.

Allein Netzriese Kabel Deutschland lässt sich das bis 2009 500 Millionen Euro kosten (siehe Interview S. 162) und wechselt Module aus in mehr als 100000 Verstärkerkästen, die alle 300 bis 600 Meter an den Straßen stehen. Wer in modernisierten Gebieten wohnt und ohnehin monatlich Kabelgebühren bezahlt, für den sind Telefonanschluss und schnelles Internet via TV-Kabel häufig preisgünstiger als bei der Deutschen Telekom.

Im traditionellen Geschäftsfeld Fernsehen agieren Netzbetreiber inzwischen als erbitterte Konkurrenten des einstigen Pay-TV-Monopolisten Premiere und bieten eigene digitale Bezahlkanäle an. Der spektakulärste Coup gelang im Dezember Arena, der Tochter des Kabelunternehmens Unity Media, die für 240 Millionen Euro jährlich die Pay-TV-Rechte für die Fußball-Bundesliga kaufte. Im Februar beantragte Arena eine Rundfunklizenz, die zuständige Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen gab am vergangenen Freitag ihre Zustimmung. Erstmals wird ein TV-Transporteur auch zum Fernsehveranstalter.

„Das Rundfunkrecht ist auf diesen Fall überhaupt nicht vorbereitet“, sagt Norbert Schneider, oberster Medienwächter in Nordrhein-Westfalen. Er fordert eine Reform der Mediengesetze und prophezeit Auseinandersetzungen zwischen klassischen Rundfunkbetreibern und „neuen mächtigen Marktteilnehmern“.

Eine dieser neuen Fernsehmächte hat ihr deutsches Hauptquartier nur einen Steinwurf von der Kabel-Deutschland-Zentrale eingerichtet, in Unterföhring bei München. Es ist der Satellitenbetreiber Astra, der in der Vergangenheit ebenfalls lautlos als reiner Signallieferant agierte. Jetzt will auch Astra Plattformbetreiber für Pay-TV-Kanäle sein und nebenbei den Fernsehmarkt umkrempeln: Gemeinsam mit den privaten TV-Konzernen hat das Unternehmen den Plan für eine zweite Rundfunkgebühr ausgeheckt. Danach sollen die Satellitenzuschauer für RTL, SAT.1 & Co. zahlen, anfangs wahrscheinlich drei bis fünf Euro im Monat.

Zwischen diesen großen Mächten betreibt Walter Schauer sein stilles Geschäft. Mit seiner Firma Bewa Antennentechnik ist er einer von mehr als 1000 kleinen Kabelnetzbetreibern, die in den Businessplänen der großen allenfalls als Störfaktor vorkommen (siehe Grafik). Gerade hat der 62-jährige Mittelständler in einer Neubausiedlung in München-Riem eine Kabelanlage fertig gestellt, die völlig ohne die großen Netzbetreiber auskommt.

Er liefert dort nicht nur 30 analoge Kanäle in jede Wohnung. Mit zwei von der Straße nicht sichtbaren Satellitenantennen auf dem Dach empfängt er zusätzlich mehr als 1500 deutsche und internationale Free- und Pay-TV-Kanäle für die Wohnanlage – ein Vielfaches von dem, was Kabel Deutschland & Co. bieten. Für 11,50 Euro im Monat sind die frei empfangbaren Programme inklusive, wer verschlüsselte Kanäle sehen will, bucht direkt beim Senderbetreiber. Eine handelsübliche Decoderbox braucht man in beiden Fällen.

Vom prallen Angebot profitiert auch der Vermieter, wie Schauer weiß: „Hier wird nie eine privat angebrachte Schüssel die Fassade verschandeln.“


So kommt das Fernsehsignal ins Wohnzimmer
Der Draht zum Zuschauer: Neben dem von vier Prozent der Haushalte genutzten Antennen-TV (nicht dargestellt) existieren in Deutschland vier Empfangskonstellationen.

1. Großer Kabelnetzbetreiber allein
Die Wunschkonstellation für Unity Media, Kabel Deutschland und Kabel BW: Ihre Leitungen reichen bis in die Wohnungen, sie haben die Kundenbeziehung und kassieren Gebühren.

2. Kleiner und Großer zusammen
Die großen Unternehmen liefern Fernsehen bis ans Haus. Die Kabel ins Wohnzimmer gehören aber einem kleineren Betreiber, der mit dem Zuschauer abrechnet und mit dem Großen teilt.

3. Unabhängiger Kabelnetzbetreiber
Ein kleiner Anbieter empfängt mit einer Satellitenanlage die Programme, bereitet sie auf und verteilt sie gegen Gebühr an die Kunden. Nur selten bietet er auch Internet via Kabel.

4. Individueller Satellitenempfang
Jeder Haushalt installiert eine eigene Schüssel, kümmert sich um die Leitung zum Fernseher. Derzeit fallen keine laufenden Gebühren an. Künftig könnten Privatsender zu Pay-TV werden.

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